FREDMANS EPISTEL N:o 23

Die ein Soliloquium darstellt, als Fredman vor der Kaschemme
Kryp-In lag, gegenüber dem Bankhaus, in einer Sommernacht 1768.

 

[1] Ach, liebe mutter! Sag, wer dich sandte
Auf meines vaters stroh?
Wo mir zuerst mein lebensfunk entbrannte
Unter dem plümoo!
Wegen dir trage
Ich müh und plage,
Müde wankt mein schritt.
Du lagst am rücken,
Heiß vor entzücken,
Da ich in dich glitt;
Also ward hingerafft
Deine jungfernschaft,
(Flauto.)Deine jungfernschaft.

[2] Soll doch ein teufel dieses bett entführen,
Das sich so ächzend bog!
Pfui allen deinen zarten jungfernschwüren,
Alles weibertrug!
Pfui jener stunde
Im liebesbunde,
Der du dich erfreut!
Pfui deinen brüsten,
Die du in lüsten
Schwellend ihm gebeut!
Oder wars an der wand
Wo mein bild enstand,
(Flauto.) Wo mein bild entstand?

[3] Ein treues herze ich zutiefst verachte;
Pfui, liebste mutter du!
Hier liege ich im rinnstein und betrachte
Meine alten schuh.
Recht zum entsetzen
Hose in fetzen,
Hemde schwarz wie ruß,
Ohne perücke,
Mit einer krücke
Für den lahmen fuß.
Mir läuft die kleiderlaus,
Ist das nicht ein graus,
(Flauto.) Ist das nicht ein graus?

[4] Hier meine hände, eisig und mager;
Zitternd wie welkes laub;
Haltlos hin wank ich kotzeblaß und hager,
Krank durch dreck und staub.
Augen und wangen
Zwiefach umfangen
Von vergänglichkeit.
Himmel! Mein singen
Will mir misslingen,
Gibt's noch größres leid
In diesem jammertal?
Leer ist mein pokal,
(Flauto.) Leer ist mein pokal!

[5 ] Kühlt mir die zunge, ach! Süße säfte
Schenket mir wacker ein.
Ich bin ein heide, herze, mund und kräfte
Preisen nur den wein.
Arm und versoffen,
Gurgel stets offen,
Das ist meine welt;
Meine methode
Selbst vor dem tode:
Zechen was es hält.
Noch in der letzten stund
Bleibt mein glas am mund,
(Flauto.) Bleibt mein glas am mund!

[6] Schon knarrt die schanktür, oh, welch ein segen,
Wirtin, das ist honett.
Die morgengröt tritt nun der nacht entgegen,
Sterne gehen zu bett;
Goldstrahlen flimmern,
Kirchtürme schimmern,
Lauer wird die luft.
Auf von der liege,
Runter die stiege
In des Bacchus gruft!
Branntwein zum saufen her,
Dürste ja so sehr,
(Flauto.) Dürste ja so sehr!

[7] Auf die gesundheit, jetzt geht es wieder,
Torkle zu tisch und krug.
Fredman schmiert seine ledersteifen glieder
Mit gewohnten zug.
Hurra courage!
Lustig bagage!
Flugs die flasche her!
Bin wieder schneidig,
Flink und geschmeidig,
Fürchte keinen mehr.
Schnaps ist doch göttertrank;
Vater, mutter, dank,
(Flauto.) Vater, mutter dank!

[8] Dank, vater, mutter, dank, eurer treue,
Ihr weih ich dieses horn;
Auf euer brautbett rosen ich euch streue,
Darin ich geborn;
Dank deiner stärke
Im liebeswerke,
Alter vater dir;
Wärn wir beinander,
Nächte selbander
Zechten wir hier;
Du würdest mein bruder sein
Und wie ich voll wein,
(Flauto.) Und wie ich voll wein!

Übersetzung: H.C.Artmann

 

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